Weihnachtliche Feier im Asylbewerberheim Brück

Zögernd nähere ich mich im Brücker Gewerbegebiet dem Gelände der Firma Feilmeier, die Trapezbleche zur Dacheindeckung produziert. Auf deren Gelände befindet sich eines von zwei Heimen für Asylbewerber. Die Flüchtlingsinitiative Brück hilft hat zur gemeinsamen Weihnachtsfeier mit den aus ihrer Heimat Vertriebenen eingeladen. Was erwartet mich?

Ich folge einem Fotografen, steige über einen niedergetretenen Zaun, gehe um eines der schnell errichteten Low-Cost-Häuser – und stehe mittendrin. Mittendrin in einem Fest der puren Lebenfreude. Orientalische Musik dröhnt wenig besinnlich aus den Lautsprecherboxen. Ein junger Mann in dunkler Kleidung, mit dunklem Bart und einer Kapuze über dem Kopf baut sich vor mir, ergreift meine Hand, strahlt über das ganze Gesicht und sagt: „Guten Abend“. Er kennt offenbar nur diese beiden deutschen Wörter, aber die sagt er – zurecht stolz – jedem, der ankommt. Ich erwidere den Gruß und halte den Daumen hoch. Ich kenne kein einziges Wort seiner Sprache.

Ich lass mir vom süßen Tee geben und beobachte das Treiben. Menschen, vor allem Männer, aber nicht nur, haben sich untergehakt und tanzen fröhlich im Kreis. Ist es die Last von Angst, Demütigung, Vertreibung und Flucht, die von ihnen abgefallen ist? Oder ist es einfach nur ihre Wesensart? So fröhliches Miteinander erlebt man unter Deutschen kaum.

 

Die Menschen um die Tänzer herum hören nicht auf, mit ihren Smartphones zu filmen. Unterbricht die Musik einmal, gibt schnell ein neuer sein Smartphone zur Musikanlage. Der Tanz geht weiter. Die Bewohner greifen sich einzelne der wenigen anwesenden Deutschen, damit sie gemeinsam mit ihnen tanzen.

Immer wieder kommen Flüchtlinge auf mich zu, ja ganze Familien, die sich mir vorstellen wollen. Zu viel mehr als uns unsere Vornamen zu nennen, reicht es weder bei ihnen noch bei mir. Aber der freundlichen Atmosphäre schadet das nicht. Trotzdem, irgendwie bedauerlich. Wir müssten uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen, damit erst Verständnis, dann – irgendwann – Integration entstehen kann.

Miteinander

Neben mir höre ich russische Wortfetzen. Vermutlich Tschetschenen. Sie feuern einen der ihrigen Tänzer ganz besonders an, obwohl er mir keinesfalls besser als die anderen zu tanzen scheint. Bereitwillig schaffen sie ihm etwas größeren Bewegungsraum. Im ganzen Tanzgedränge sind die Völker gemischt, aus Zentralasien, aus dem arabischen Raum, aus Afrika, aus Europa. Auch ein paar Kameruner. Keine Selbstverständlichkeit, wie mir einer der Helfer erzählt. Erst vor kurzem gab es eine Schlägerei. Nur zögernd sind einige der Kameruner zum gemeinsamen Weihnachtsfest gekommen.

Weihnachtsfest? So wirkt das ganze nicht. Jedenfalls nicht so, wie ich es kenne. Haben die neuen Bewohner Brücks das christliche Fest umgedeutet oder feiern sie es nur anders? Ich vermute ersteres, sicher weiß ich es aber nicht. Aber immerhin, plötzlich sehe ich doch einen Weihnachtsmann. Umhüllt von orientalischer, wilder Musik lässt er die Kinder in seinen Sack greifen und kleine Geschenke hervorziehen. Die Eltern stehen glücklich daneben und fotografieren ihre Kleinen. Auch der von den Frauen gebackene leckere Kuchen lässt sich als weihnachtlich verbuchen. Die Kinder begeisterten sich vor allem an der Zuckerwatte.

Leuchtende Kinderaugen

Überhaupt die Kinder. Ein junger Vater steht am Tanzkreis und hält ein Baby in einer Art Eisbärenanzug auf dem Arm. Die Mutter gibt dem Baby die Flasche. In einer Ecke stehen ein paar Esel, umringt von einer Kinderschar. Die Mütter heben die Kinder auf die Eselrücken.

Um 17:30 Uhr kommt plötzlich Bewegung in die Kinderschar. Lampions werden verteilt. Alle stellen sich auf, dann zieht der kleine Zug mit seinen bunten Lichtern durch die anbrechende Nacht im Brücker Gewerbegebiet. Voran Pfarrer Kautz, der zufrieden wirkt, aber auch ein wenig so, als ob er am liebsten das Kreuz der Lichterprozession voran getragen hätte.

Während dessen werden die ersten Bänke abgebaut. Für die Helfer geht ein langer, anstrengender, befriedigender Tag zu Ende. Die Bewohner scheinen etwas mehr zueinander gerückt zu sein. Nicht das schlechteste Ergebnis für eine Weihnachtsfeier. Egal, ob es nur eine war oder nicht.