“Brück hilft”: „Die willkürliche Abschiebepraxis konterkariert unsere Arbeit“

Die Potsdamer IHK auf Stipvisite bei "Brück hilft". Rechts der Referent Ländlicher Raum, Sebastian Stute, links daneben Toni Becker von der Presseabteilung. Das Treffen im Sinne einer dauerhaften Zusammenarbeit hatte nicht zufällig auch im marchè-Restaurant an der A 9 stattgefunden. Dort sind auf Initiative von "Brück hilft" insgesamt zehn afghanische Asylbewerber eingestellt worden, drei von ihnen sind akut von Abschiebung bedroht. Ganz links marchè-Betriebsleiterin Katharina Erdmann: "Wir sind mit der Motivation und der Pünktlichkeit der Neuen hochzufrieden."
Die Potsdamer IHK auf Stipvisite bei “Brück hilft”. Rechts der Referent Ländlicher Raum, Sebastian Stute, links daneben Toni Becker von der Presseabteilung. Das Treffen im Sinne einer dauerhaften Zusammenarbeit hatte nicht zufällig auch im marchè-Restaurant an der A 9 stattgefunden. Dort sind auf Initiative von “Brück hilft” insgesamt zehn afghanische Asylbewerber eingestellt worden, drei von ihnen sind akut von Abschiebung bedroht. Ganz links marchè-Betriebsleiterin Katharina Erdmann: “Wir sind mit der Motivation und der Pünktlichkeit der Neuen hochzufrieden.”

Nach der Auszeichnung von „Brück hilft“ durch die Potsdamer IHK im September im Wettbewerb „Region Zukunft“ soll die Zusammenarbeit zwischen ihr und der Brücker Willkommensinitiative auf dem Gebiet der Ausbildungs- und Arbeitsvermittlung von Flüchtlingen ausgebaut werden.

Dem diente kürzlich ein Besuch von Sebastian Stute, Referent Ländlicher Raum, sowie Toni Becker von der Kommunikationsabteilung der IHK Potsdam in dem Planestädtchen. Bei dieser Gelegenheit wollten sich beide vor Ort einen Überblick über das umfängliche ehrenamtliche Engegament von „Brück hilft“ verschaffen. Dem Besuch vorausgegangen war 2016 eine Auszeichnung der IHK zugunsten der mittlerweile sehr gut frequentierten Fahrradwerkstatt in der Bahnhofsstraße. Der Preis war mit 5.000 Euro dotiert. Mit diesem Geld konnte die Initiative unter anderem dringend benötigtes Werkzeug anschaffen und die Heizkosten finanzieren.

Zur vorgestellten (Zwischen-) Bilanz gegenüber der IHK gehörte die Arbeit im ehemaligen Spendenlager in der Alten Gömnigker Mühle. Einer groben Schätzung zufolge wurden dort binnen eines guten Jahres Bekleidung und Haushaltsgegenstände in einer Menge sortiert und weiterverteilt, „für die drei bis vier 40-Tonner benötigt worden wären“, so Thomas Neumann von „Brück hilft/AG Spenden und Treff. Davon hätten zum Teil auch bedürftige Einheimische aus dem Umland profitiert, was von Anfang an gewollt war. Neumann: „Wir haben die Bezeichnung “Umsonstladen” nicht zufällig ausgewählt.“ In Spitzenzeiten hätte man täglich etwa 50 (!) Besucher in der Mühle zu Gast gehabt, die von der Offerte Gebrauch machten. Da sie nicht beheizbar war, blieb sie ein Provisorium.

An Ingo H. kommt in Brücks Werkstatttreff niemand vorbei. Er ist der "Herr der Speichen und Felgen", sozusagen die gute Seele der Werkstatt. Über 400 mehr oder weniger reparaturbedürftige Räder, allesamt Spenden, gingen schon durch seine Hände. Er legt großen Wert darauf, dass bei der Reparatur selbst mit Hand angelegt wird - Hilfe zur Selbsthilfe also. Und wer sich dem partout verweigert, kriegt einen "temporären Arbeitsplatz" im Außenbereich oder im Treff selbst. Zu tun gibts da immer etwas. So ist das Arbeitsklima auf den ersten Blick zwar etwas rauh, aber immer ausgesprochen herzlich.
An Ingo H. kommt in Brücks Werkstatttreff niemand vorbei. Er ist der “Herr der Speichen und Felgen”, sozusagen die gute Seele der Werkstatt. Über 400 mehr oder weniger reparaturbedürftige Räder, allesamt Spenden, gingen schon durch seine Hände. Er legt großen Wert darauf, dass bei der Reparatur selbst mit Hand angelegt wird – Hilfe zur Selbsthilfe also. Und wer sich dem partout verweigert, kriegt einen “temporären Arbeitsplatz” im Außenbereich oder im Treff selbst. Zu tun gibts da immer etwas. So ist das Arbeitsklima auf den ersten Blick zwar etwas rauh, aber immer ausgesprochen herzlich.

Unterdessen habe  „Brückt hilft“ etwa 400 Fahrräder als Spende entgegen- genommen, gegebenenfalls repariert und wieder an Flüchtlinge weiterverteilt. Die Nachfrage danach ist unvermindert groß.

Informiert wurden die Gäste aus Potsdam zudem über die logistisch besonders aufwändigen Sprachkurse sowie über die zahlreichen Initiativen der AG Patenschaften beziehungsweise Kinder & Frauen. Insgesamt gibt es davon unter der Ägide von „Brück hilft“ sieben Arbeitsgruppen.

In enger Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit sei es gelungen, allein in den beiden Marchè-Restaurants an der A 9 zehn afghanische Asylbewerber in Lohn und Brot zu bringen. Laut „Brück hilft“ war das “ein Experiment für alle Beteiligten” – noch dazu mit höchst ungewissem Ausgang”.

Immer freundlich, hochmotiviert, kollegial und sehr pünktlich: so wird Amini Ramazan Ali von seinen neuen Kollegen im marchè/West an der A 9 übereinstimmend beschrieben. Er ist einer von neun weiteren Afghanen, die durch die Vermittlung der Willkommensinitiative "Brück hilft" einen Job in der Region fanden. Kürzlich ist der Asylantrag des jungen Mannes abgelehnt worden. Insofern ist er akut von Abschiebung bedroht. Eine sofort eingereichte Klage hat zunächst lediglich eine aufschiebende Wirkung. Mit großem Aufwand hatte sich "Brück hilft" erfolgreich auch für ihn um eine Wohung bemüht.
Immer freundlich, hochmotiviert, kollegial und sehr pünktlich: so wird Amini Ramazan Ali von seinen neuen Kollegen im marchè/West an der A 9 übereinstimmend beschrieben. Er ist einer von neun weiteren Afghanen, die durch die Vermittlung der Willkommensinitiative “Brück hilft” einen Job in der Region fanden. Kürzlich ist der Asylantrag des jungen Mannes abgelehnt worden. Insofern ist er akut von Abschiebung bedroht. Eine sofort eingereichte Klage hat zunächst lediglich eine aufschiebende Wirkung. Mit großem Aufwand hatte sich “Brück hilft” erfolgreich auch für ihn um eine Wohung bemüht.

An dem Treffen mit der IHK hat  auch Marchè-Managerin Katharina Erdmann teilgenommen:

„Wir hatten zunächst aus purer Not heraus agiert. Seit fünf Jahren kriegen wir kein Personal von der ARGE vermittelt. Oder uns werden Leute geschickt, die nach wenigen Tagen oder Wochen gleich wieder weg sind.“

So habe man es mit der Einstellung der Asylbewerber zumindest mal versuchen wollen. Dass die Leute längst komplette Dienstschichten besetzen, alle Kollegen sie überaus freundlich aufnahmen, sie ausnahmslos durch hohe Motivation und Pünktlichkeit bestechen, habe ja seinerzeit niemand ahnen können.

Auf ähnlich gute Beispiele konnte die Willkommensinitiative auch hinsichtlich der Vermittlung von drei weiteren Asylbewerbern verweisen. In diesem Fall geht es um das Restaurant Kullman`s Diner in Linthe. Andere wurden durch gezielte Suche von “Brück hilft” in einem Logistikunternehmen, bei einem Potsdamer Pizza-Bäcker, einem Parkettleger in Dahmelang, einem Elektriker sowie einem Wiesenburger Hotel vermittelt.

“Bei Brück hilft haben sich die Prioritäten verschoben”

Martina und Richard Goebel/”Brück hilft” AG Sprache hatten im Falle von Marchè nicht nur erfolgreich die Jobs vermittelt. Sie begleiteten die Afghanen auch zu Behörden, zu Ärzten oder Rechtsanwälten, Martina Goebel:

„Angesichts der anfänglichen Sprachprobleme sowie der immensen Bürokratie wären die Leute im Behördendschungel um Gesundheitspass oder Arbeitserlaubnis regelrecht untergegangen. Immerhin konnten manche in ihrem Herkunftsland nie eine Schule besuchen!“

Und ihr Mann ergänzt:

„Über die Zeit haben sich bei Brück hilft die Prioritäten verschoben, weg von der Notversorgung mit warmer Kleidung und den Sprachkursen hin zu Begleitung durch den offenbar unvermeidlichen Behördendschungel.“

Flüchtlinge Arbeit bei Marchè
Arbeit bei Marchè

Nicht unerwähnt ließ Goebel aber auch, dass es Afghanen gibt, die bis vor kurzem noch eine bis zu 14 km lange Anreise per Rad (!) in Kauf nehmen mussten, um zu ihrer Arbeitsstelle an der Autobahn zu gelangen, Goebel: „Vor diesem Hintergrund finde ich es höchst ungewöhnlich und bemerkenswert dass Marchè in Kenntnis der Notlage seinen Mitarbeitern im Unternehmen ein Apartement anbietet, um ihnen diese Pendelei bei eisigen Temperaturen zu ersparen. Abgesehen davon muss man sich mal vorstellen, welches Wagnis Marchè eingegangen ist, Asylbewerber arbeiten zu lassen, die wenigstens zum Teil als Analphabeten nach Deutschland gekommen sind. Das nötigt uns den größten Respekt ab.“

Richard Goebel sparte gegenüber der IHK aber auch nicht mit Kritik an der gegenwärtigen Abschiebepraxis. Indem längst integrierte Afghanen neuerdings die Abschiebung ins Kriegsgebiet droht, würden potentielle Arbeitgeber massiv verunsichert.

„Es wird auch die aufwändige ehrenamtliche Arbeit der Flüchtlingsinitiativen konterkariert und systematisch unterlaufen.”

Goebel an anderer Stelle:

„Das muss man sich mal vorstellen. Gerade eben werden wir mit dem Brandenburgischen Integrationspreis ausgezeichnet und im Gegenzug schickt man die Afghanen zurück ins Kriegsgebiet. Das erscheint auch deshalb absurd, weil ausgerechnet Brandenburg im Ländervergleich dabei eine unrühmliche Rolle spielt.“ (Andere haben die Abschiebung ausgesetzt/Anm. der Red.).

Die Wohnungssuche für neun Afghanen sei geradezu ein Kraftakt gewesen. Jetzt endlich habe man für nahezu aussichtlos Gehaltenes wahr gemacht. Parallel dazu sind plötzlich Afghanen mit der Nachricht konfrontiert, dass sie demnächst abgeschoben werden sollen, wogegen nun gerichtlich vorgegangen wird – Ausgang ungewiss. „So lasse sich ehrenamtliches Engagement sicher nicht befördern“, betont Goebel. Von dem Bärendienst, der den Unternehmen mit diesem Damoklesschwert erwiesen wird und den menschlichen Schicksalen mal ganz abgesehen. Was hier passiere, sei unangemessen und undifferenziert. Ob die Betreffenden eine Wohnung und/oder Arbeit hätten, spiele für das BAMF offenbar überhaupt keine Rolle.

Bei „Brück hilft“ sieht man die ehrenamtliche Arbeit noch nicht als erfüllt an, wenn Asylbewerber dauerhaft in Jobs vermittelt wurden, so Martina Goebel:

„Wir wollen, dass die Leute in Vereinen mitmachen und sich einbringen, so dass Parallelgesellschaften erst gar nicht entstehen.“

Aber das brauche viel Zeit. Erste Ansätze,  beispielsweise mit dem örtlichen Angelverein, im Karate oder Tischtennis, seien durchaus erfolgversprechend. Demnächst werde man einige Afghanen für den Mofaführerschein anmelden, um deren Mobilität zu erhöhen.

Seit März 2015 sieht sich Brück mit der Aufnahme von Asylbewerbern konfrontiert. Deren Zahl stieg von anfänglich 72 auf 570 in Spitzenzeiten. Momentan leben noch 225 Asylbewerber in der Kleinstadt. 81 davon haben einen Aufenthaltstitel, d.h., dass sie eigentlich aus dem Heim ausziehen müssten, aber wegen der fehlenden Wohnung dort noch geduldet werden. Im Fokus steht derzeit vor allem der Familiennachzug.

Rose Dittfurth, die Leiterin des Brücker Asylbewerberheims:

„Der Anteil von Brück hilft an der Willkommenskultur in der Stadt ist enorm.“

Hits: 300